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Im Jahre 1999 feierte das alte Runddorf Westerrade in Schleswig-Holstein mit seinen 8 Hufenstellen den 750. Geburtstag. Nachhaltig hielt man bei dem Jubiläumsfest, das die Gemeindevertretung mit ihrem Bürgermeister Burghard Dölger,der Feuerwehr und vielen Helfern auf die Beine stellte, Rückschau auf die Vergangenheit dieser Gemeinde im Amt Segeberg-Land. Dieses möchten wir auch an dieser Stelle tun. Begeben wir uns also zurück in die Vergangenheit:

Westerrade liegt am Südostende des größten, vor ca. 20.000 Jahren am Ende der Weichsel-Eiszeit verbliebenen Wardersee.

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Die steinzeitliche Sammlung von Karl Studt, heute im Besitz von Hans David-Studt, Mielsdorf, Foto: Dieter Harfst

Immer schon war die wunderschöne Gegend hier Anziehungspunkt und bereits in vorgeschichtlicher Zeit waren hier Menschen sesshaft. Ernst Studt und sein Sohn Karl - ehemals Bürgermeister in den schweren Nachkriegsjahren 1945 bis 1946 -, haben an 22 Fundstellen Hausgeräte, Handwerkszeug, und Waffen aus der jüngeren Steinzeit (Neolithikum, 4000 bis 1800 v. Chr.) sicherstellen können. Westerrade wurde an der Strukdorfer Au errichtet, jenem Bach, der südöstlich von Strukdorf verlaufend und in der Bißnitz mündend, noch heute das Dorf in zwei Hälften teilt und noch heute sprechen wir von „Osterrade“ und „Westerrade“.

Die Silbe „...rade“ lässt erkennen, dass hier Land gerodet und die Menschen ansässig wurden. Das im Jahre 1984 geschaffene Gemeindewappen zeigt dies ganz deutlich: Im oberen Teil der Reiher mit einem Fisch im Schnabel auf den nahe liegenden Wardersee mit seinem feuchten Vorland hinweisend, mittig die das Dorf teilende Strukau und im unteren Teil der gerodete Baumstumpf mit dem frisch ausschlagendem Ästchen, das die Fruchtbarkeit des Bodens darstellt.

Urkundlich erwähnt wurde das Dorf erstmals im Jahre 1249. Der Graf Johann von Holstein hatte Westerrade dem Bischof Adalbert von Lübeck für ein ihm gewährtes Darlehen von 300 Mark verpfändet. Die Westerrader Hufner waren zu allen Zeiten freie Bauern, d.h., sie waren nicht dem Gut (Pronstorf), sondern dem König direkt unterstellt und hatten an diesen ihre Abgaben (Steuern) zu erbringen. Im Schnitt hatten die Westerrader Bauern 50 Hektar zu bewirtschaften. Nach altgermanischer Hufenverfassung wurde die Feldmark in Form von Gewannen/Kämpen aufgeteilt und bestand aus gleich großen und guten Teilen Ackerland, gleichen Anteilen an dem Gemeindebesitz des Dorfes, dem Weideland/Almende, den Gewässern und der Buschweide.

Wechselvoll war die Geschichte Westerrades und um hier alles niederzuschreiben, wäre zu viel des Guten und aus Platzmangel auch nicht möglich, darum in Kurzform nur noch einige einschneidende Dinge: Im Jahre 1680 entstand im Herzogtum Plön das Amt Traventhal, dem Westerrade bis 1867 angehören sollte. Am 12. Januar 1867 war durch das Besitzergreifungsrecht von König Wilhelm I. Schleswig-Holstein preußisch geworden. Der erste preußische Amtsvorsteher des Amtes Traventhal von 1848 bis 1897 war ein Westerrader Gemeindevorsteher: Der Urgroßvater unseres heutigen, bereits seit 1974 „regierenden“ Bürgermeister Burghard Dölger gleichen Namens.

Eine besondere Rolle spielte das Schulwesen. Ab 1754 bis hatte Westerrade eine Schule. 1964 wurde die Schule geschlossen, der Schulbetrieb von der Gemeinschaftsschule Goldenbek weitergeführt. Nach Beendigung des vierten Schuljahres besuchen unsere Kinder die weiterführenden Schulen in Bad Segeberg. Und eine große Rolle spielte neben der Landwirtschaft auch die Meiereiwirtschaft. Nur noch auf Fotos ist die Größe des Raedler´schen Betriebes erkennbar. Auf internationalen Ausstellungen auf Jamaika und in Melbourne/Australien wurde die in Westerrade hergestellte „haltbare (sterilisierte) Milch“ mit einer Goldmedaille prämiert. Und zum 9o. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. übersandte Franz Anton Raedler eine von ihm selbst gefertigte, 1 ¾ Meter lange Servelatwurst, wie in dem „Segeberger Tageblatt“ zu lesen war.

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Die Raedler´sche Fabrik am Keesbarg in den 1920er Jahren. Vor den Fabrikgebäuden ist die Waage (hinter der Menschengruppe) zu erkennen. Ganz rechts die Gleise der 1916 in Dienst gestellte und bereits 1966 wieder eingestellte Fahrbetrieb der Lübeck-Segeberger Eisenbahn.

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Die Dampflokomotive, im Volksmund "Julius" genannt, versah vom 16. Dezember 1916 bis Mitte 1934 ihren Dienst auf der Kleinbahnstrecke Lübeck - Segeberg. Fotos: Besitz Horst Leonhardt, Strukdorf

Erwähnenswert auch noch das Radicin-Institut, das nach dem Konkurs der Raedler´schen Fabrik in dem Wittmaack´schem Herrenhaus (Hufe 6) seinen Platz fand. Durch Filialen in Paris, Budapest, Wien und Posen wurde Europa mit landwirtschaftlichen Impfstoffen versorgt. Das Radicin-Institut hatte 36 Jahre (von 1927 bis 1963) Bestand.

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Eine Postkarte aus den 40er (Poststempel hinten 1949) Jahren. Linksseitig: Die im Oktober 1983 abgebrannte Schmüser´sche Gastwirtschaft „Vier Linden“ und das Wittmaack´sche Herrenhaus (Ende der 1960er Jahre abgerissen). Rechts das Wohngebäude der Hufe 5 (Pritschau) und die alte Schule (Teichstraße) Postkarte: Besitz Dieter Harfst

750 Jahre Westerrade

Die ganze Westerrader Geschichte ist, soweit möglich, in der im Jahre 1987 erschienenen „Chronik Westerrade“ (nicht mehr erhältlich) von Albert Lüthje und des zu dem Jubiläumsfest 1999 von Dieter Harfst und vielen Helfern erarbeiteten Jubiläumsbuches „750 Jahre Westerrade“ (noch erhältlich bei Dieter Harfst oder per e-Mail) nachzulesen.